Eine rote Nelke - Predigt am Internationalen Frauentag in der Neanderkirche

Eine rote Nelke - Predigt am Internationalen Frauentag in der Neanderkirche

Eine rote Nelke - Predigt am Internationalen Frauentag in der Neanderkirche

# Neuigkeiten aus Mitte

Eine rote Nelke - Predigt am Internationalen Frauentag in der Neanderkirche

Zum Internationalen Frauentag richtet Oberkirchenrätin Barbara Rudolph den Blick auf eine alte biblische Geschichte – und entdeckt darin überraschend aktuelle Fragen. Die Geschichte von Ruth erzählt von einer Frau, die mehrfach benachteiligt ist: als Witwe, als Fremde und als Frau in einer patriarchalen Gesellschaft. Und doch zeigt sie Mut, Eigeninitiative und Vertrauen.

Im Zusammenspiel mit Naomi und Boas wird sichtbar, wie Gottes Blick besonders den Schwachen gilt – und wie Menschen dazu beitragen können, dass Recht, Würde und Gerechtigkeit wachsen. Eine Predigt über biblische Hoffnung, gesellschaftliche Verantwortung und darüber, warum eine „rote Nelke“ auch heute noch ein starkes Zeichen sein kann.


Hier die Predigt zum Nachlesen.


Predigt

Eine rote Nelke am Frauentag! 

Brauchen wir einen Weltfrauentag, heute, in unserem Land?

Lassen wir die Frage zunächst beiseite und wenden uns dem zu, was eine Predigt zu tun hat, wenden uns der Auslegung des Bibeltextes zu. 

Die Geschichte Ruths. Sie spielt in einer völlig anderen Zeit, in der Zeit des Patriarchates. Aus heutiger Sicht würden wir die Situation Ruths vielleicht am besten mit einem Fremdwort aus der schwarzen Frauenbewegung der USA beschreiben: Intersektionalität,  von dem Wort „intersection“: Kreuzung. 

Im Leben von Ruth kreuzen sich verschiedene Formen von Benachteiligung und Diskriminierung: 

sie ist zunächst kein Mann und damit Mensch 2. Klasse, 

Witwe, also sogar ohne Mann an der Seite, 

noch schlimmer, kinderlos, also ohne Söhne, die sie versorgen könnten – und dann noch Ausländerin. Hat diese Frau überhaupt eine Chance?

Ja! Schlichtweg, weil Gott eine Vorliebe hat für solche Menschen, die (ich bleibe mal bei dem Fremdwort) intersektionale Erfahrungen machen: „Ich bin ein Gott der Witwen und Waisen“,  heißt es oft in der hebräischen Bibel 

und in Sacharja Kapitel 7 mahnt Gott denn auch sein Volk: Bedrückt nicht die Witwen, Waisen, Fremdlinge und Armen! Dass diese Mahnung nötig war, zeigt, wie bedrückend die Situation für Menschen wie Ruth war, - wie schnell sie übersehen, übergangen, überfahren werden von denen, denen es gut oder zumindest besser geht. 

In Israel gab es deshalb Gebote Gottes, die diesen Menschen zumindest das Überleben sicherte: z.B. durften sie bei der Ernte die übrig gebliebenen Ähren aufsammeln.

Und während Ruth das tut und Ähren auf dem Feld des Boas aufsammelt, können wir uns noch einmal der Frage zuwenden: Haben wir einen Internationalen Weltfrauentag nötig?

Nun, in vielen Ländern der Welt geht es Frauen bis heute wie Ruth. Allein die Tatsache, dass sie als Mädchen geboren werden, nimmt ihnen viele Chancen im Leben: sie können nicht so lange zur Schule gehen wie ihre Brüder, sie ruinieren ihre Gesundheit mit harter Arbeit, sie können sich nicht den Partner wählen oder den Beruf ergreifen, den sie gern hätten. 

Und in einem Land wie Deutschland? Schauen wir genauer hin.

Vor 2 Wochen, am 27. Februar, gab es den sogenannten „GenderPayDay“. Vielleicht haben Sie davon in den Nachrichten gehört. Bis dahin haben in Deutschland Frauen in diesem Jahr im Vergleich zu den Männern statistisch noch nichts verdient, insgesamt im Jahr 16% weniger. 

Mehr noch, auch das wurde bei der Erhebung deutlich: überdurchschnittlich viele Frauen leben an der oder unter der Existenzgrenze, allein erziehende Mütter,  Witwen mit geringer Rente, Frauen in Teilzeitbeschäftigung. 

Manchmal sind es Benachteiligungen, die zunächst gar nicht ins Auge springen, wie z.B. in der Medikamentenforschung, in der häufig die Wirkung neuer Medikamente vornehmlich an männlichen Probanden erforscht werden - oder in der Untersuchung von Unfällen beim ADAC, bei denen in der Regel männliche Puppen als Dummy verwendet werden.

Und schließlich gibt es Erfahrungen von Frauen, die fast ausschließlich im Verborgenen bleiben, wie die im vergangenen Monat erschienene Dunkelfeldstudie zur Gewalt in der Partnerschaft deutlich gemacht hat: jede 6. Frau erfährt Gewalt durch ihren Partner. 

Haben wir einen Weltfrauentag nötig? Wohl doch! Und in der Kirche? Nicht wegen all der genannten und noch weiteren Tatsachen. Das können wir in den Nachrichten erfahren. Sondern wegen der Ermutigung, die von diesem Tag  und von der Bibel ausgeht.  

Schauen wir wieder auf Ruth. Sie sagt zu ihrer Schwiegermutter: Lass mich aufs Feld gehen und Ähren auflesen. 

Sie weiß um ihre prekäre Situation, auch wenn sie das Wort Intersektionalität sicher nicht kennt, spürt sie es mit jeder Phaser ihres Lebens. 

Aber, und das ist das Ermutigende, sie richtet sich nicht in der Rolle der Bedürftigen, der Armen, des Opfers ein. Sondern – und darin spüre ich Gottesgeist wirken – sie traut sich zu, in diesen bedrängenden Strukturen sich ihren Platz zu erobern, wohl wissend, wie gefährdet, verletzlich sie ist. Das Leben macht es ihr schwer, aber Gott begleitet sie. 

So kommt sie in ein Land, wo sich die Gesetze nach Gottes Liebe für die Schwachen, die Bedürftigen, die Fremden ausrichtet. 

Und noch heute gilt: Die Stärke eines Volkes misst sich am Wohl der Schwachen. Wie es Ruth wohl in Deutschland im Jahr 2026 ergangen wäre? – 

-Neben den Gesetzen gibt es Menschen, die ihr menschenfreundlich zugewandt sind: da ist die Großzügigkeit des Grundbesitzers Boas, die Fairness der Knechte, die Unterstützung der Mägde. Bis heute sind solche Menschen für das menschliche Angesicht unserer Gesellschaft so wichtig, Menschen, die Gottes Gebote kennen, mit Leben füllen und danach handeln. 

 

 

Doch es beginnt damit, dass Ruth selber aktiv wird. 

Das ist das, was Clara Zetkin 1911 mit den anderen Frauen entdeckte und das den Internationalen Frauentag bis heute prägt: Die Selbstermächtigung der Frauen, die Eigenwirksamkeit, die die Frauen spürten als sie selber zur Aktivistin wurden – nicht im propagandistischen sondern im wahrsten Sinne des Wortes: aktiv. Gott sieht die Stärke dieser Frau. Eine rote Nelke für sie, für Ruth. 

In der Geschichte von Ruth wird Gott nur ganz selten erwähnt, aber zwei andere Personen werden namentlich neben Ruth gestellt: Naomi und Boas. Schauen wir uns die beiden an, denn an ihnen können wir erkennen, wie der Gott der Witwen und Waisen, der Fremdlinge und Armen wirkt. Beide sind höchst spannende Personen, aber beiden ist es nicht gerade in den Schoß gelegt, den Weg Gottes zu sehen und zu gehen. 

Die eine, Naomi, Ruths Schwiegermutter, ist inzwischen eine alte Frau. Das Fazit ihres Lebens ist traurig: Sie weiß sich von Gott und aller Welt verlassen: „Nennt mich nicht mehr Naomi (die Liebliche) sondern Mara (die Bittere), denn der Allmächtige hat mir viel Bitteres angetan“, sagt sie zu ihren alten Bekannten in Bethlehem. Eine vom Leben gezeichnete Frau. 

Aber, man unterschätze nicht alte Frauen! Die Bibel jedenfalls tut es nicht, angefangen von Sara, Hanna, Elisabeth bis eben hin zu Naomi: 

diesen am Ende ihres Lebens stehenden Frauen, gibt die Bibel eine besondere Aufmerksamkeit: sie können zäh, sie können raffiniert, sie können weise sein! Herrlich, das macht mir richtig Mut, eine alte Frau zu werden. 

Ohne die Schläue, ohne die Kenntnis der Rechtsvorschriften, ohne die Weisheit dieser alten Frau, die das Leben und auch die Männer kennt, wäre Ruth wohl nie auf die Idee gekommen, sich an diesen Boas heranzumachen, sich nach Anweisung der Alten schön und attraktiv zu machen und – völlig ungewöhnlich für diese patriarchale Zeit - die Initiative zum Heiratsantrag zu ergreifen. So jedenfalls deuten die Ausleger Ruths nächtliche Bitte: Breite den Saum deines Gewandes über deine Magd. Plump in heutiger Sprache gesagt: Ich will mit dir ins Bett gehen.

Während Ruth sich auf den Weg zur Bettstatt des reichen Boas macht, können wir uns Zeit nehmen, noch einmal mit Naomi den Blick ins heute zu wagen. 

Es bedarf wohl solcher couragierten, zum Risiko bereiten Frauen, die nicht nur auf Mitleid und  Großzügigkeit angewiesen sein wollen sondern Gerechtigkeit, Recht fordern. 

3 Beispiele:

Als jetzt der verstorbenen Politikerin Rita Süssmuth gedacht wurde, wurde auch an ihre Worte erinnert: 

„Den Frauen rate ich, nicht zu geduldig zu sein. Gerechtigkeit kommt nicht von selber.“ 

Und damit hat sie als konservative und katholische Frau oft gegen ihre eigene Partei Positionen vertreten und durchgesetzt, die bis heute prägend sind. 

Im Neanderforum haben wir gehört, wie stark Dietrich Bonhoeffer als Mann  in den dreißiger Jahren von einem Bibelkreis schwarzer Frauen in Harlem, in New York, geprägt worden ist. Er hat diesen Bibelkreis geleitet, aber vielleicht mehr gelernt von diesen Frauen als gelehrt, tiefen Glauben und Widerstandskraft, mit denen er uns bis heute ermutigt. 

Eine andere alte Frau bewegt aktuell die Öffentlichkeit: Gisele Pelicot, jene Frau aus Frankreich, die von ihrem Ehemann betäubt und von ihm und anderen Männern unzählige Male vergewaltigt worden ist. Sie mag ungefähr im Alter von Naomi sein. Auch sie war einmal eine Liebliche, eine Geliebte ihres Mannes, bis sie erfuhr, was ihr Mann ihr angetan hat. Es wäre für sie weniger riskant gewesen, den Prozess, wie üblich, ohne Öffentlichkeit stattfinden zu lassen, aber sie hat sich anders entschieden, und damit eine Welle ausgelöst, in der Öffentlichkeit über Gewalt gegen Frauen, Entwürdigung und  gewissenlose Männer neu nachzudenken. 

Die Scham muss die Seite wechseln, hat sie  gesagt, und damit ihrem Leben und das so vieler Frauen eine Würde gegeben, die ihr zuvor genommen worden war. Jetzt hat sie ihre Memoiren veröffentlicht mit dem Titel: Eine Hymne auf das Leben. Eine Hymne auf Frauen, alte - und junge, die für Gerechtigkeit kämpfen und nicht warten bis sie kommt. Eine rote Nelke für Naomi!

Und Boas, der Mann in dieser Frauengeschichte? Über ihn habe ich in der kleinen Ruth-Novelle am meisten gelernt. 

Ihn habe ich immer sehr wert geschätzt, der so großzügig ist gegenüber Ruth. Eine philippinische Theologin und Feministin, deren Namen ich leider wieder vergessen habe, hat mir vor Jahren bei einer internationalen Bibelarbeit die Augen geöffnet. 

Die Großzügigkeit des Boas ist gut - aber nicht genug. Naomi, die alte weise Frau weiß, dass er viel mehr tun muss: Nach dem alten israelischen Recht ist er „Löser“, hat als Verwandter die Pflicht, den Status der Angehörigen zu sichern. Es bedarf der Raffinesse und Schlauheit der alten Naomi, der Risikobereitschaft und des Mutes der jungen Ruth, um am Ende Boas dazu zu bringen, nicht nur großzügig, zu sein, sondern Ruth das Recht zu gewähren, das ihr zusteht. 

Und während Boas im Tor, dem Gerichtsort im alten Israel, sitzt und unter Männern den Rechtsstatus der Ruth und die Heirat verhandelt, haben wir Zeit, in das heutige Recht zu schauen. Im Grundgesetz heißt es in Artikel 3 „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ , 1994 ergänzt durch die Konkretion: „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ 

Und da sind wir heute - noch mitten in der Verwirklichung dieser gesellschaftlichen Aufgabe. 

Manches in den letzten Jahren ist eher schwieriger  als leichter geworden. Ob der Staat fördert, was das Gesetz fordert? – in einem Parlament, das so viele Männer und so wenig Frauen hat, wie schon lange nicht mehr?

Im Internet finden sich immer mehr Foren, die das alte Patriarchat zurückfordern und diese Haltung wird inzwischen auch in öffentlichen Reden ungeniert verbreitet: echte Männer sind stark, sollen überlegen sein, endlich wieder als Familienoberhaupt anerkannt werden, möglichst Alleinverdiener sein. Dieser Trend wird in den letzten Jahren stärker, vor allem unter jungen frustrierten Männern. 

Wenn dann geschlechtergerechte Sprache auch von Politikern lächerlich gemacht wird, das Wort Gendergerechtigkeit zum Schimpfwort wird, dann spüre ich, dass die Entwicklung der Gleichberechtigung durchaus einen Purzelbaum rückwärts machen kann. 

Aber zum Glück gibt es andere Männer wie Boas, die sich, von Frauen bedrängt – und oder aus eigenem Antrieb -  gegen ein solches Männerbild verwahren., und sogar Initiativen gründen, wie jetzt in Sachsen die Bewegung: Männer gegen rechts. Es gibt so viele selbstbewusste Männer, die selbstbewusste Frauen an ihre Seite haben wollen. Und darum: Auch eine rote Nelke für Boas.

Ein letzter Gedanke. Ich habe von der philippinischen Theologin gesprochen, von der ich gelernt habe, Boas neu und anders zu sehen. 

Das wäre noch eine andere Predigt, die Ruth-Geschichte aus der Perspektive der Frauen des globalen Südens. Die Organisation „Brot für die Welt“ weist darauf hin, dass vor dem reichen Norden noch ein entscheidender und wahrscheinlich unbequemer Weg liegt: So gut Mitleid, Großzügigkeit und Spenden sind, es geht um viel mehr, um das Recht, auf ein würdiges Leben, auf echte Teilhabe für alle auf diesem Globus. 

Da braucht es noch viele rote Nelken. 

Die Geschichte von Ruth erinnert daran, dass Gott eine Vorliebe hat für die Schwachen, dass er Gebote seinem Volk und allen Völkern gegeben hat, das Recht der Entrechteten herzustellen. Der Internationale Frauentag beauftragt uns, seine Gemeinde, so mutig zu sein wie Ruth, so zäh wie Naomi, so gerecht wie Boas. 

Und darum – eine rote Nelke für die ganze Gemeinde!

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

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